Fränkische Landeszeitung, 10. November 2006

LesArt Ansbach: Cees Nooteboom las im Feuerbachhaus aus „Paradies verloren". Von Engeln und Dichter-Gräbern - Heiter und ernst: Der niederländische Schriftsteller gab Einblicke in sein Werk

Ansbach - Was ist der tiefere Sinn jenseits von Werbung und Signierstunde? Haben Lesungen einen literarischen Sinn? Eine wie die von Cees Nooteboom kann ihn stiften. Eine solche Lesung gibt dem Text ein Maß, das seines Schöpfers: gibt ihm Tempo, einen Rhythmus, eine Melodie und eine Farbe. Wer Nooteboom gehört hat, wird seine Bücher in Zukunft mit seiner Stimme im Ohr lesen.

Der Akademie-Raum im Feuerbachhaus reichte nicht aus, was vorherzusehen gewesen wäre, um alle Zuhörer zu fassen. Zum ersten Mal in der zehnjährigen Geschichte mussten Interessierte abgewiesen werden.

Wer noch einen Platz bekam, erlebte eine konzentrierte Lesestunde und tat, vielleicht auch das, einen Blick ins Alterwerk von Cees Nooteboom.

Nooteboom liest wie er schreibt: klar, klangvoll, sanft modulierend, ohne dramatische Wallungen. Das ist Grundstrom, ein ruhiger Fluss.

Dies Gleichmaß zeitigt  eine schöne Wirkung: man hört, was einen Text wie den von "Paradies verloren" auch gedruckt auszeichnet, man hört die Schwerelosigkeit dieser Prosa und ihren gesammelten Ernst, ihre freundschaftliche Heiterkeit und auch das Staunen über Gott und die Welt.

 

Ja, immer noch ist da ein Staunen, eines das sich menschenfreundlich anhört. Dem 73-jährigen Schriftsteller schient es im Laufe eines halben Schreib-Jahrhunderts nicht abhanden gekommen zu sein.

Wie knapp und genau er die Szene von Botticellis "Verkündigung" beschreibt und vor allem den Engel, zeigt seine altmeisterliche Könnerschaft. Er bringt das Bild in Bewegung, mischt dabei sehr fein und respektvoll Ironie hinein und tupft eine ganze Tonleiter an Motiven hin; sie reicht von der Kunst über das Göttliche bis hin zur Erotik. Und wie er, im zweiten Teil des Romans, charaktervoll mit wenigen Strichen einen alternden Literaturkritiker, dessen Ressentiments und dessen Beziehung umreißt und wie er in größter Nüchternheit die Komik von dessen Diätkur antippt, dies zeigt seine gereifte Souveränität nicht weniger.

Der Tod ist an diesem Novemberabend nicht weit. Cees Nooteboom stellt auch den Band „Tumbas" vor. Zusammen mit seiner Frau, der Fotografin Simone Sassen, ist er an Gräber von Dichtern und Denkern gereist. Anlass für Erinnerungen an Freunde, Verbeugungen vor verehrten Autoren, Reflexionen über den Tod, über Ruhm und Nachruhm.

Der große Reiseschriftsteller blickt, so möchte es scheinen, in Richtung jener letzten Reise, die unbeschrieben bleiben wird.