Fränkische Landeszeitung vom 21.07.2025
Geistlicher und Gesetzesbrecher. Jesuitenpater und Klimaaktivist Jörg Alt stellte sich der Diskussion in der Ansbacher Feuerbach Akademie.
ANSBACH - Ein Straftäter zu Besuch in der Ansbacher Feuerbach Akademie. Dieser Satz mag irritieren. Ein Jesuitenpater mahnt zur Bekämpfung des Klimawandels. Das klingt schon vernünftiger. Für eine Veranstaltung in Ansbach traf beides zu.
Denn unter Leitung von Dr. Alfred Meyerhuber und Bettina Baumann stritten sich der Jesuit und Aktivist Jörg Alt und der Jura- und Grundrechtsexperte Dr. Kyrill-Alexander Schwarz um die Frage: „Ziviler Ungehorsam. Mutiger Einsatz oder krimineller Krawall?" Das Schicksal von Jörg Alt dürfte den meisten Gästen schon vor der Vorstellung durch den Rechtsanwalt und Mitorganisator Meyerhuber bekannt gewesen sein. Alt hatte seine kriminelle Karriere mit dem Sammeln und Verschenken von noch genießbaren Essensabfällen begonnen.
Armutsgelübde verhinderte Zahlung
Das „Containern" ist strafbar, da Müll in Deutschland dem Eigentumsrecht unterliegt und deshalb nicht gestohlen werden darf. Alt erweiterte seine Strafakte 2022, als der sich mit den Klimaaktivisten der Letzten Generation vor dem Nürnberger Hauptbahnhof auf die Straße klebte. Seine Aktionen brachten dem Priester eine Reihe von Verurteilungen ein. Da Alt als Jesuit unter einem Armutsgelübde steht, konnte er für die Sitzblockade keine Geldstrafe zahlen. Als Ersatz saß der Ordensmann im April dieses Jahres für knapp einen Monat in der Justizvollzugsanstalt Nürnberg ein. Seine Überzeugung blieb auch durch die Zeit im Gefängnis unverändert, wie das Publikum in Ansbach aus erster Hand erfuhr. „Straßenblockaden sind als Protestform angemessen, denn die blockierten Pkw sind Mitschuld am Klimawandel", sagte Alt. Seine Glaubensbrüder im globalen Süden seien von der Idee begeistert gewesen. Sie bringe nämlich Störeffekte auf unsere Straßen, die der Klimawandel in anderen Regionen der Welt täglich verursacht.
Den richterlichen Hinweis, er solle seine Position doch auf rechtskonforme Weise vertreten, wies der 63-Jährige mit klaren Worten zurück: „Scheiße nochmal, das versuche ich seit 30 Jahren, aber es passiert nichts!" Wissenschaft, Kirche und zu diesem Zeitpunkt wohl auch Publikum – alle sind auf Alts Seite.
Kyrill-Alexander Schwarz, der als Professor des öffentlichen Rechts an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg doziert, zeigte in beeindruckender Rhetorik, dass jede Medaille mindestens zwei Seiten hat. Als „Negation des Rechtsstaates" bezeichnete der Jurist illegalen Protest. In einer demokratischen Gesellschaft dürfen Entscheidungen nicht durch Gesetzesbrüche erzwungen werden. „Rechtsgehorsam ist gerade in einer immer stärker polarisierten Welt eine Gelingensbedingung von Demokratie", argumentierte der Rechtsprofessor. Ziviler Ungehorsam treffe die Demokratie „in ihrem Kern", da er die Entscheidung der Mehrheit infrage stelle. Bei allem Verständnis für den Protest in der Sache, sieht Schwarz immer die Gefahr, dass der Rechtsbruch letzten Endes in einer Wertediktatur münden könnte.
Alfred Meyerhuber lobte den Vortrag seines Fachkollegen und brachte im gleichen Atemzug die spitze Nachfrage an: „Gilt das auch für Traktor fahrende Bauern?" Anschließend gingen Schwarz und Alt in den detaillierten Diskurs. Pfarrer gegeben Jurist. Aktivist gegen Verfassungsschützer. Argument gegen Argument, auf höchstem Niveau. Jörg Alt betonte dabei, wie lange die Wissenschaft schon erfolglos vor dem Klimawandel warne. Kyrill-Alexander Schwarz hielt entgegen, Gesetze müssten weder von Teilgruppen noch Richtern, sondern von der Politik und in einer Demokratie vom Volk gemacht werden.
Der „anstrengenste Mandant"
Bettina Baumann und der Poetry Slam-Dichter Lucas Fassnacht lockerten den Wortwechsel mit zwei literarischen Darbietungen auf. Außerdem gab Alts Verteidiger Benjamin Schmitt, der als Fachanwalt für Strafrecht der Kanzlei Meyerhuber angehört, Einblicke in die Arbeit für seinen „anstrengensten Mandanten", wie er Alt laut dessen eigener Aussage einst genannt haben soll.
Die Diskussionsteilnehmer wägten einige Komplexe ab: Ist eine Straßenblockade eine Form von Nötigung? Ist der Klimawandel ein rechtfertigender Notstand? Und vieles mehr. Über allem steht die Frage: Wie weit darf ein Protest gehen, dessen Beweggründe unstrittig dem Gemeinwohl dienen? Wichtige Fragen, die nicht nur Juristen in der Feuerbach Akademie diskutieren sollen.
JANNIC HOFMUTH