Fränkische Landeszeitung vom 22.06.2026
Wie die Ampelregierung wirklich zerbrach - Ex-Bundesminister Volker Wissing gab bei seiner Lesung im Feuerbachhaus Einblicke in die Welt der Bundespolitik
Von Thomas Schaller
ANSBACH – Ein Plädoyer für den politischen Kompromiss stand im Zentrum der Lesung mit Dr. Volker Wissing, zu der rund 80 Gäste ins Feuerbachhaus gekommen waren.
Auf Einladung der Feuerbach-Akademie war der frühere Bundespolitiker nach Ansbach gekommen. Dr. Malte Schwertmann von der Akademie stellte den prominenten Gast vor. Wissing ist Jurist und war Richter und Staatsanwalt, bevor er als FDP-Mitglied in die Politik ging und unter anderem stellvertretender Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz wurde.
Für den Ausgleich verschiedener Positionen
Für Schlagzeilen sorgte er jedoch vor allem als Bundesminister. Nach dem Bruch der Ampelkoalition blieb er - nun parteilos - Verkehrsminister und wurde für kurze Zeit auch zusätzlich Justizminister. Heute ist er wieder als Anwalt tätig.
Sein Buch „Verantwortung – für mehr Haltung in der Politik" versteht er als Debattenbeitrag. Ausgangspunkt der Lesung war aber der Bruch der Ampelkoalition, die Wissing für einen historischen Fehler hält, „der sich nicht wiederholen darf". Die für das Ende des Bündnisses genannten Begründungen wie zu unterschiedliche Meinungen der Parteien seien „vollkommen inakzeptabel".
Es sei gerade die Aufgabe der Parteien, den Ausgleich unterschiedlicher Positionen zu organisieren. In Wahrheit sei die Ampelregierung gescheitert, „weil man die Zusammenarbeit nicht wollte". Es sei nötig, Argumente auszutauschen und einander zuzuhören, um Lösungen zu finden, auf deren Grundlage ein friedliches Zusammenleben möglich ist. „Koalieren und Kompromisse schließen bringt einen Mehrwert", ist Wissing überzeugt. Die Parteien sollten sich stärker mit Inhalten beschäftigen als mit der Kommunikation von Politik.
Die Freiheit des Einzelnen, die für den liberalen Wissing von zentraler Bedeutung ist, brauche Wissen und Wahrheit. Politische Lügen dienen nach seinen Worten dazu, Entscheidungen zu begründen, die nicht im Interesse des Volkes liegen. Die Demokratie erlebe gerade eine „massive Rezession", beobachtet der bekennende Christ. „Der Ursprung zivilisatorischer Entgleisung ist, Menschen in Gruppen ein-zuteilen", sagte er weiter. Genau dies tue die AfD, weswegen er eine Zusammenarbeit mit dieser Partei strikt ablehnt. Statt zu hassen und auszugrenzen müsse man „den Menschen in jedem Einzelnen sehen". Wissing warnte vor der „gefährlichen Versuchung, die Verantwortung für komplexe Probleme zu ignorieren".
„Jeder von uns ist einzigartig und unterschiedlich, aber auf die Gemeinschaft angewiesen", beschrieb der Ex-Minister sein Menschenbild. Große Dinge seien nicht aus der Gleichheit heraus entstanden, wie sie vom linken politischen Lager angestrebt werde, sondern aus Einzigartigkeit heraus. Aufgabe der Politik sei es, einen Aus-gleich zu schaffen und die Freiheit aller Menschen zu mehren. Letzteres sie der Auftrag der Verfassung. Dazu gehöre unter anderem der Zugang zu Bildung. Der Einzelne habe auch eine Verantwortung für die Gemeinschaft. Deshalb seien auch zwangsweise Beiträge wie Steuerzahlungen legitim.
Immer wieder höre er gerade von Unternehmern, das politische System sei nicht maximal effizient. „Eine Gesellschaft zusammenzuführen, ist aber etwas anderes, als ein Unternehmen zu führen" Aus der historischen Erfahrung setze das Grundgesetz nicht auf Disruption, sondern auf Kompromiss. „Oben steht das Volk, Politiker sind Dienstleister", lautet eine weitere seiner Grundüberzeugungen: „Wir sind mit Freiheit begabt und können sie für das Gute nutzen", betonte er.
Der Jurist ist auch ein passionierter Organist
In der Diskussion ging es unter anderem um die Frage, warum Wissing in seiner Zeit als Verkehrsminister kein Tempolimit auf Autobahnen einführte. Dies sei im Koalitionsvertrag ausgeschlossen worden, lautete die Antwort.
In seinem Schlusswort ging Dr. Alfred Meyerhuber darauf ein, dass Volker Wissing auch ein passionierter Organist ist. Aus terminlichen Gründen ging der Wunsch, dass er am Tag nach der Lesung noch ein Konzert gibt, nicht in Erfüllung. Aber vielleicht kommt er wieder, zum Beispiel zur Bachwoche 2027.