Fränkische Landeszeitung vom 12.10.2024

Kann jeder Mensch zum Mörder werden? Bei einer Lesung aus seinem neuen Krimi hat Hermann Lennert mit Fallanalytiker Alexander Horn über die Gedanken von Tätern gesprochen.

ANSBACH - Was geht im Kopf von Mördern vor? Steckt in jedem Menschen ein Verbrecher? Diese Fragen haben der Münchner Fallanalytiker Alexander Horn und der ehemalige Chef der Kriminalpolizei Ansbach Hermann Lennert in der Feuerbach Akademie besprochen. Dabei nahmen sie Bezug auf Passagen aus Lennert's neuestem Regionalkrimi.

Ein gepflegter, attraktiver Mann mit weißem Hemd und blauen Augen steht im Baumarkt. Er füllt seinen Einkaufswagen. Mit einer Rohrstelle, einem ab Sperrband und weiteren Utensilien. Bezahlt wird in bar. Mit diesen Informationen startet Hermann Lennert in seinen neuen Roman "Rabenschwarz". Ausführlich beschreibt der ehemalige Ansbacher Kriminalist seinen Protagonisten - den Täter. Dieser ist behütet, wenn auch etwas einsam, aufgewachsen, hat adelig geheiratet und sich eine Karriere als Immobilienmakler aufgebaut.

Den Fußstapfen des kriminellen folgen

Seit 2019 genießt Lennert seinen Ruhestand. Über 40 Jahre war er Kriminalist in München, Nürnberg und Ansbach. Die Idee war schon immer da, einen Krimi zu schreiben, erzählte der Autor. Berufsbedingt habe er es vor der Rente aber nie geschafft. Der neue Krimi, der in Ansbach spielt, ist nicht sein erstes Werk. Jedoch: das erste aus der Perspektive des Täters. Alle seine Bücher spielen sich in Franken ab, denn erfahrungsgemäß gefalle das den Leserinnen und Lesern besonders gut, so der Autor. Sie würden sich besser in der Geschichte wiederfinden und hineinversetzen können.

In der Realität hingegen ist es nicht so einfach, ein derartiges Täterprofil, wie es zu Beginn des Krimis erzählt wird, zu erstellen. Alexander Horn, Leiter der Dienststelle für operative Fallanalyse (OFA) am Polizeipräsidium München, ließ die Zuhörerinnen und Zuhörer in die Schritte der Analytiker eintauchen. "Denken wie ein Täter, das tun wir Gott sei Dank nicht", so Horn. Es werde aber versucht, die Fußstapfen des Täters nachzuverfolgen. Ein Schritt nach dem anderen.

 

Zu Beginn werde der Tathergang analysiert. Erst wenn die Ermittler diesen verstanden haben, können sie sich die nächsten Fragen stellen, so der Fall Analytiker. Dabei gehen sie gedanklich von der Warum-Frage bis schlussendlich zum "Wer?". "Die Fälle, die zu uns zukommen, sind meist sehr außergewöhnlich", erzählte Horn. Deshalb sei es ein gutes Zeichen, dass er relativ selten in Ansbach ist. In 45 bis 60 Fällen ist seine Dienststelle pro Jahr beratend tätig. „Ganz oft ist es so, dass uns die operativen Fallanalytiker in unserer These bestätigen", so der ehemalige Ansbacher Kripochef.

Verbindung von Emotionen und Gewalt

Ob jeder zum Täter werden kann? Das stand als Frage bei der Veranstaltung im Raum. Auch aus Lennert's Protagonist wurde plötzlich ein Mörder. Er wollte sein gesellschaftliches Kartenhaus vor dem Einbrechen schützen. "Es ist nie ein einziger Grund, der jemanden dazu bringt, ein solches Delikt zu begehen", sagte Horn. Traumata, eine schwere Kindheit oder auch körperliche Gewalt können dazu beitragen. Es gehört eine Summe von schwierigen Faktoren dazu, so der Analytiker. In emotionalen Extremsituationen sei bei kaum einer Person eine Affekthandlung und demnach ein Verbrechen ausgeschlossen.

Nicht ohnehin handelt es sich bei einem Großteil der Tötungsdelikte um eine Beziehungstat - häufiger von Männern als von Frauen begangen, erzählte Horn. Ein akribisch durchdachter Mord sei die Seltenheit.

Unterschied zum Totschlag

Akribisch durchdacht hat der Täter aus dem Krimi das weitere Vorgehen nach seiner Tat. Während er im Auto unterwegs ist, überlegt er, wem er sein Verbrechen an-hängen kann. Und: "Was eine gute falsche Fährte wäre". Dabei recherchiert er auch die fünf juristischen Mordmerkmale. Darunter zählen beispielsweise Heimtücke, Mordlust und die Befriedigung des Geschlechtstriebs. "Da unterscheidet sich der Mord eben vom Totschlag", erklärte der Münchner Analytiker.

Doch wie leicht ist es tatsächlich, eine anderen Person eine Tat - wie zum Beispiel einen Mord - anzuhängen? "Ich denke es ist unendlich schwierig", sagte Lennert. Horn fügte dem hinzu: "Sie verlieren am Tag etwa 50.000 Hautzellen, wir brauchen eine." So stellt sich also die Frage für den Krimileser: Kommt der Täter mit seinem Verbrechen davon?

LUCA PAUL