Fränkische Landeszeitung vom 14.04.2025
Die verschiedenen Facetten der Gerechtigkeit. In der Feuerbach Akademie fand ein Themen- und Gesprächsabend im Rahmen der Reihe Blickwinkel 360° statt.
ANSBACH - "Was ist Gerechtigkeit?" Eine komplexe Frage, die sich Vertreterinnen und Vertreter von Kunst und Recht jetzt stellten. In der Feuerbach Akademie moderierte Anwalt Malte Schwertmann einen Themen- und Gesprächsabend, der sich verschiedenen Facetten der Gerechtigkeit widmete.
Die Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe "Blickwinkel 360°" des WortKunst-Netzwerks für Literatur statt, das den Abend gemeinsam mit der Feuerbach Akademie möglich gemacht hatte. "Kunst kann Gerechtigkeit fördern", sagte Oberbürgermeister Thomas Deffner zu Beginn. Dies würden die "Verkehrsschilder der Gerechtigkeit" zeigen, die seit Februar in Ansbach zu finden sind und den anders des Abends bilden.
Gesellschaft mit vielen Individuen
Künstler Johannes Volkmann, der die Schilder gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen entworfen hat, legte seine Perspektive auf Gerechtigkeit dar. Er klemmte sich dafür einen Holzbaustein zwischen die Zähne, auf den er weitere Klötzchen stapelt. Eine Gesellschaft, erklärte er dabei durch die um das Holz geschlossenen Zähne, bestehe aus Individuen, die unterschiedliche Maserung haben, genau wie seine Steinchen. Man müsse jeden sein lassen, wie er ist und alle einbinden, auch wenn es herausfordernd ist.
Das demonstrierte er an einem Knobel liegen Ast, den er erfolgreich in seinen erstaunlich hohen Stapel einbaut. Als die Holzsteine doch aus dem Gleichgewicht geraten und fallen, erklärte Volkmann: "Es geht eben auch manchmal schief."
Nach dem Künstler ergreift Anwalt Dr. Alfred Meyerhuber das Wort. Er liest aus einem alten Buch vor, dem "Kleinen Recht der großen Markgrafen". Sicher sei nicht alles gerecht, was die Markgrafen darin zu ihrer eigenen Bereicherung rechtens machten, stellte Meyerhuber fest. Aber das Betteln, das war immerhin allen gleichsam untersagt. Und Gendern, das haben die Markgrafen in ihrem Gesetz auch schon gemacht, schon vor 300 Jahren. Markus Söder könnte das bis heute nicht, scherzte Meyerhuber.
Schauspielerin Katja Schumann lenkte den Fokus wieder auf Gerechtigkeit in der Kunst. Sie analysierte die Frage, was Kunst unser Wert ist und liest dafür eine Stelle aus Michail Bulgakows "Die Treppe ins Paradies" vor. Darin verhandelt ein Schriftsteller um die Bezahlung für sein Theaterstück, eine faire Summe erhält er am Ende nicht. Aktuell müssten Theatermacher mit starken Kürzungen umgehen, bedauerte Schumann. Es fehle an Geld, aber sei es gerecht, deswegen gerade an der Kunst zu sparen?
Was recht ist, sei nicht automatisch gerecht, stellte Heribert Schmidt fest. Er ist ehemaliger Präsident des Bayerischen Verwaltungsgerichts und war bis Anfang April Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft Theater Ansbach - Kultur am Schloss. Bis 1977 konnte ein Mann von einem Gericht dazu ermächtigt werden, den Arbeits-vertrag seiner Ehefrau gegen deren Willen zu kündigen, erinnerte Schmidt. Homosexuelle Handlungen seien erst seit 1994 nicht mehr verboten.
Der Jurist hob auch die Stellen des Grundgesetzes hervor, die Gerechtigkeit schaffen. Zum Beispiel die Gewährung von Gleichheit vor dem Gesetz. Doch selbst wenn das Recht vollkommen gerecht wäre, die Rechtsprechung wäre es trotzdem nicht, deutete Schmidt an. Etwa bei Asylprozessen seien die Urteile abhängig von den persönlichen Auffassungen der Richter. "Die absolute Gerechtigkeit kann es meiner Meinung nach nicht geben", beendete Schmidt seinen Redebeitrag.
Die Macht der Literatur
Bettina Baumann, Literaturexperten und Kuratorin zahlreicher Literaturreihen in Ansbach, sprach über Gerechtigkeit in der Literatur und der Sprache. Sprache sei nicht immer fair, selbst inklusives Vokabular diskriminiere. "Gehörlos" etwa reduziere Personen nur auf das, was sie nicht haben. Sprache könne wie eine Waffe sein, erklärte Baumann, und Literatur habe Macht. Warum sonst sollten Schriftsteller und Schriftstellerinnen in demokratiefeindlichen Staaten unter den ersten sein, die von Repressionen betroffen sind?
Im Anschluss an die Redebeiträge durfte das Publikum Fragen zur Diskussion an die Gäste stellen. In dem angeregten Austausch wird schnell klar: Alle haben ein Gerechtigkeitsempfinden, und in der Theorie ist man sich meistens darüber einig, was gerecht ist und was nicht. Doch in der Praxis scheiden sich die Geister, sobald persönliche Betroffenheit ins Spiel kommen. Gerechtigkeit ist subjektiv. Vielleicht ist das die beste Antwort auf die Einstiegsfrage.
LARA LÖWE